Wie begründet Brunner die Gleichheit der Menschen?

8. September 2017

Brunner war einer der wichtigsten Kritiker des Antisemitismus und rassistische Argumente zur Begründung der Ungleichheit der Menschen hat er stets bekämpft. Aber wie begründet er Gleichheit?
Er verfolgt zwei unterschiedliche Argumentationslinien. Die erste ist klassisch aufklärerisch und betrifft die staatsbürgerliche Gleichheit: Im Staat schließen sich die Menschen zu einer Gemeinschaft freier und gleicher Bürger zusammen. Bürgergleichheit wird durch den Willen der Individuen hergestellt. Er ist ein Produkt gemeinsamer Interessen und des Rechtsstaats, für den rassische oder religiöse Unterschiede keine Rolle spielen.
Die zweite Argumentationslinie ist metaphysisch: In Brunners Einheitsphilosophie sind alle Wesen Teil einer gemeinsamen Identität, die tiefer liegt als die Individualität. Sie wird erst im geistigen Denken erfahren. Die Annahme von Ungleichheit ist hier Folge einer durch den Egoismus verursachten Realitätsverzerrung.
Beide Argumentationslinien laufen nebeneinander und es ist nicht klar, ob Brunner gesehen hat, dass sie völlig unabhängig voneinander sind.

Braucht das Relative das Absolute?

30. August 2017

Brunner behauptet zu Recht, unsere Weltsicht, also die von unseren Interessen und unserer Lebensfürsorge bestimmte Weltsicht des praktischen Verstandes, bleibe immer relativ. Auch müssen wir davon ausgehen, dass jedes Wesen seine eigene relative Weltsicht hat. Folgt daraus aber, dass es eine absolute Weltsicht geben muss? Keineswegs. Es bedeutet lediglich, dass alle Weltsichten perspektivisch begrenzt sind. Das Relative setzt zwar begriffslogisch das Absolute voraus, aber nicht reallogisch. Die Philosophie sollte bescheiden bleiben und sich mit dem Bewusstsein des Relativen begnügen.

Das Problem des geistigen Denkens

25. Juli 2017

Das geistige Denken ist für Anhänger Brunners Krönung und Ziel seines philosophischen Systems. Es führt, in Überwindung der wissenschaftlichen Weltsicht, zur Erfahrung der Einheit allen Seins und zur moralischen Verwandlung der Person.
Mit dem geistigen Denken verlässt Brunner den Boden der Rationalität und setzt zum transrationalen Flug an. Es handelt sich um ein säkularisiertes Relikt religiöser Erlösungsphantasien, die sich jeder kritischen Prüfung entziehen. Wie in der religiösen Erleuchtung handelt es sich um keine Erkenntnis, sondern um eine die gesamte Person und die gesamte Weltsicht formierende Neubesinnung, die sich sprachlich nicht ausdrücken lässt und damit gegenüber jeder rationalen Diskussion immun bleibt.
Das geistige Denken scheint selbst eine Form des Aberglaubens, der falschen Metaphysik zu sein, die Brunner an vielen Stellen so vehement kritisiert. Es verdeckt das, was Brunners wirkliche Leistung auf dem Gebiet der theoretischen Philosophie ist: die Ontologie der Relativität, die eine Ontologie der Bescheidenheit ist und uns klar macht, dass unsere Weltsicht immer vorläufig und begrenzt bleiben wird. Seine religiöse Vorprägung hat Brunner daran gehindert, sich hiermit zufrieden zu geben.

Über das Vorurteil

14. März 2017

Die Bekämpfung von Vorurteilen war eines der wichtigsten Anliegen der Aufklärung. Gemeint waren Vor-Urteile im Sinne falscher und unzureichender rationaler Urteile. Brunner zeigt die Grenzen dieser Art von Aufklärung auf. “Vorurteile” sind keine “Vor-Urteile” und gehören überhaupt nicht in den Bereich der Rationalität, sondern in den Bereich des Fühlens und Wollens. Der Vorurteilende denkt nicht falsch, er denkt überhaupt nicht. Seine Prädisposition sitzt tiefer und ist durch Argumentation gar nicht erreichbar. “Unterschätzt nicht das Vorurteil, das unvergleichlich viel tiefer ist als das Urteil und die Beobachtung” schreibt Brunner zu Recht.

“Die Menschheit ist einheitliche Menschheit”

6. März 2017

“Die Menschheit ist einheitliche Menschheit” - mit diesem Satz hat sich Brunner gegen jede Art des Rassismus und Antisemitismus gewandt. Er ist Ausdruck eines Universalismus, auf dessen Grundlage Brunner auch seine Rechts- und Staatstheorie entwickelt hat.
Hätte er es doch nur dabei bewenden lassen! Denn mit der Einführung des Gegensatzes zwischen den “Geistigen” und dem “Volk” hat Brunner eine Spielart des säkularisierten Calvinismus ins Spiel gebracht, der diesen Universalismus unterläuft. Brunner glaubt, dass einige von Natur zum geistigen Denken befähigt und bestimmt sind, viele andere aber nicht.

Der rehabilitierte Egoismus

1. März 2017

Der Egoismus hat einen schlechten Ruf. Er gilt als Schmuddelkind der Moralphilosophie und politischen Philosophie. Brunner hat das Verdienst, dass er den Egoismus als eine anthropologische Konstante und als eine wertneutrale Grundlage unseres Handelns rehabilitiert hat. Für Brunner ist er nichts anderes als das natürliche Eigeninteresse im Dienst der eigenen Lebensfürsorge. Wenn wir uns mit anderen staatlich organisieren, bauen wir keine Kirche, in der wir ein höheres Wesen anbeten (z.B. die Hegelsche Vernunft), sondern wir bauen ein Haus, in dem jeder, unter dem Dach eines die Einzelegoismen bündelnden Gemeinschaftsegoismus, sein eigenes Zimmer einrichten kann.
Brunner wird damit, obwohl er selbst eher dem politischen Konservatismus zuneigte, zu einem politischen Denker des Liberalismus.

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 3: Kausalität

20. Februar 2017

Für Spinoza ist Kausalität das Weltgesetz, und zwar nicht im relativen, sondern im absoluten Sinne. Die Naturordnung ist identisch mit Kausalverbindung. Gott, die Substanz, ist mit Natur identisch (Deus sive natura). Gott ist die Ursache von allem, einschließlich seiner selbst (causa sui). Hätten wir Einsicht in alle Kausalverknüpfungen, würde sich uns Gott auf rationale Weise erschließen.
Nicht so bei Brunner: Die Kausalverknüpfung gehört für ihn in den Bereich des relativen Denkens. Das Absolute bei Brunner erschließt sich für ihn nicht über Kausalität, sondern über das - die Kausalerkenntnis übersteigende - geistige Denken.

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 2: Die Attribute

8. Februar 2017

Was hat Brunner mit Spinozas Attributen gemacht? Er hat sie, metaphorisch gesprochen, abgerissen und auf völlig neue Weise wieder aufgebaut.

Spinozas Attribute sind keine Eigenschaften der Substanz, sondern die Form, in der die Substanz für uns erkennbar wird. Deshalb teilen die Attribute auch die Merkmale der Substanz; sie sind ewig, unendlich, notwendig usw.
Es gibt nach Spinoza unendlich viele Attribute, aber nur zwei davon sind uns zugänglich: res cogitans (Geist) und res extensa (Materie) - die beiden von Descartes als solche bezeichneten und streng getrennten Substanzen. Spinoza macht sie zu verschiedenene Erscheinungsformen der einen einzigen Substanz und kann deshalb im strengen Sinne auch weder als Idealist noch als Materialist gelten.
Brunner lässt den Unterschied zwischen res cogitans und res extensa überhaupt nicht mehr gelten, sondern hebt beide im Denken eines univeralen Bewegungszusammenhangs auf. Brunner ist eindeutig Idealist.
Er rehabilitiert die Attribute in Form der inneren Gattungen, also als Denkformen, die ihren Ursprung nicht bei Spinoza, sondern in Platons Ideenlehre haben.

War Brunner ein Spinozist? Anmerkung 1: Die Substanz und das “Denkende”

6. Februar 2017

Brunner hat für sich in Anspruch genommen, Spinozas Philosophie im 20. Jahrhundert reformuliert zu haben. Für seine Anhänger ist seine Lehre ein “Erläuterung der ‘Ethik’ Spinozas” (M. Sterian). Muss man dem folgen?

Formal trennen die beiden Philosophen Welten: Stilistisches Vorbild Spinozas ist der mathematische Traktat, für Brunner ist es die rabbinische Predigt.
Dieser formale Unterschied ist für die Inhalte nicht ganz belanglos, wie ein Blick auf den zentralen Begriff Spinozas, nämlich Gott als “deus sive natura”, als “natura naturans” deutlich macht. Im Vergleich zu dem “Absoluten” Brunners, dem, was er “das Denkende” nennt, wird klar, dass beide eine leicht unterschiedliche Haltung zur Rationalität einnehmen.
Spinozas “Gott” ist der Schlüssel zu einer rein rationalen Welterklärung. Er hat klare, und von Spinoza immer wieder genannte Eigenschaften: Unendlichkeit, Ewigkeit, Notwendigkeit, Einzigartigkeit. Auch Spinozas “dritte Erkenntnisgattung” (tertium cognitionis genus) ist noch eine rationale Erkenntnis.
Brunners Absolutes hingegen ist einem rein rationalen Begreifen nicht mehr zugänglich und entzieht sich auch einer Beschreibung.

Spinoza zieht seinen Gott aus dem Dunkel der Transzendenz in die Klarheit der Rationalität. Brunner verbirgt sein “Denkendes” wieder hinter einem Schleier, hinter den nur eine nicht-rationale Erfahrung schauen kann.

Der Mythos Sokrates

9. Januar 2017

Für Brunner ist Sokrates wie für viele andere Philosophen eine Vorbildfigur. Er nennt ihn sogar einen Heiligen in dem Sinne, dass er theoretische Einsicht und moralische Lebenspraxis zu einer Einheit geführt hat.
Ob dies berechtigt ist, ist zumindest fragwürdig. Sokrates war der Guru der jeunesse dorée Athens, der Jugend aus konservativem und adligem Haus, die sich über die Demokratie mokierten. Die Dialogführung des Sokrates, die immer auf eine Aporie zusteuert, könnte man auch als Versuch interpretieren, die rationalen Arguementationsstrategien der Sophisten lächerlich zu machen.
Dass die Athener Demokraten ihn mit Misstrauen betrachteten, verwundert nicht. Sie boten ihm an, ins Exil zu gehen, um keinen Märtyrer aus ihm zu machen. Aber er lehnte ab. Dass Brunner die Sophisten mit den Pharisäeren vergleicht, zeigt, dass er leider der Propaganda Platons aufgesessen ist - wie der gesamte Mainstream der westlichen Philosophie.